Mastodon Das Mopidiaskop | Axel Dürkop

Das Mopidiaskop

Als ich in die Schule ging, stand es noch herum: das Epidiaskop. Benutzt haben es damals die Lehrenden, die kurz vor der Pensionierung waren. Sie legten dann meistens Abbildungen aus Büchern darunter, wenn sie etwas erklärten. Im Nachhinein muss ich feststellen, dass sie dadurch sehr flexibel in der Gestaltung ihres Unterrichts waren.

Abbildung 1: Schul- Episkop, Vorlagenfläche 16cm x 19cm, (A4 hochkant, abfahrbar) (Quelle: „LiesegangE8B1“ von Bomas13 - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.)

Computer waren zwar schon im Kommen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass jemand es uncool fand, wenn das riesige Teil im Unterricht eingesetzt wurde. Irgendwann kamen die Beamer, und alles, was man an der Wand zeigen wollte, musste digital vorliegen. Smartboards haben dann der projizierten Folienwelt noch eine weitere Facette hinzugefügt, die streng nach dem Digitalmedialen Strahlensatz folgende Aussage erlaubt: Das Smartboard verhält sich zur Tafel wie die CD zur Vinylplatte.

Analoges diskutieren

In Präsenzveranstaltungen (meine haben in der Regel unter zwanzig TN) gibt es immer wieder die Situation, dass Teilnehmende etwas innerhalb der Veranstaltung produzieren, das in der ganzen Gruppe diskutiert werden soll. Beispiel: Ich bitte alle Studierenden, das Layout einer typischen Website auf einem Stück Papier zu zeichnen. Das geht schnell und erfordert keine Bleistiftschulung1. Aber: Wie zeige und diskutiere ich dann die Ergebnisse? Bisher habe ich oft Fotos von den Zeichnungen mit dem Handy gemacht, sie in meine Owncloud hochgeladen und dann mit dem Beamer an die Wand geworfen. Das funktioniert, ist aber eine Einbahnstraße, da jede Ergänzung, Kommentierung und Veränderung einer Zeichnung, die im Gespräch entsteht, nur durch ein weiteres Foto und denselben Uploadvorgang für alle sichtbar gemacht werden kann.

Einfach mal drauf schauen

Nach dem Erwerb eines neuen Handys (Motorola Moto G, 3rd Gen. mit CyanogenMod 12.1) habe ich diesbezüglich mal wieder den Fdroid-Store und Aptoide nach einer Anwendung durchsucht, die das Kamerabild des Handys in Echtzeit (übers Netz) verfügbar macht. Ich fand schließlich die Wifi Camera (Fdroid) und die App IP Webcam, die genau das kann, was ich gesucht habe - und zwar in einer begeisternden Auflösung und mit erstaunlich wenig Delay im Bildupdate (s. Abb. 2). Es handelt sich bei dem folgenden Aufbau eindeutig um ein digitales Epidiaskop, das bis auf die Besenstiel-Schraubstock-Klebeband-Stuhl-Konstruktion mobil ist. Daher nenne ich es jetzt mal Mopidiaskop.

Abbildung 2: Gesamtaufbau des Mopidiaskops

Abbildung 3: Lehrendenperspektive

Abbildung 4: Erklärung eines kleinen physikalischen Gegenstands durch Zeigen. Denkbar auch für Vorträge von Lernenden, die bspw. im Referat Bauteile o.ä. erklären wollen.

Damit ich das Kamerabild an die Wand werfen kann, verbinde ich meinen Laptop durch ein USB-Ladekabel mit dem Telefon und aktiviere dort USB-Tethering. Das hat zur Folge, dass mein Rechner (Linux Mint) per TCP/IP mit dem Handy kommuniziert und beide Geräte im selben Netzwerksegment sind. Die genannten Apps fahren beide einen Webserver hoch, wenn die App konfiguriert und gestartet wurde, der nicht nur über die WLAN-IP-Adresse kontaktiert werden kann, die im Handydisplay eingeblendet wird, sondern auch über eine IP-Adresse im Rahmen des USB-Tethering-Netzwerks. Sie lautet 192.168.42.129 und ist für alle Android-Geräte gleich2. Alle weiteren Einstellungen lassen sich bei IP Webcam direkt über den Browser vornehmen, Wifi Camera lässt keine weiteren Einstellung zu.

Meine ersten Erfahrungen mit dem Mopidiaskop sind sehr positiv, allerdings wird mein Handy sehr warm. Es scheint ratsam, die Übertragung zu deaktivieren, wenn gerade nicht projiziert werden muss.

Fazit

Mein Eindruck ist, dass das Mopidiaskop für manche Unterrichtssituationen eine gute Möglichkeit bietet, flexibel Teilnehmerartefakte zu zeigen und zu diskutieren. Hinzu kommt, dass die Auflösung so gut ist, dass auch Schrift und kleine Bauteile gut zu erkennen sind - vorausgesetzt, die Lichtverhältnisse im Lehrraum stimmen. Da es Geräte dieser Art für einiges Geld auch zu kaufen gibt, freue ich mich, mal wieder was Vergleichbares mit Bordmitteln und größtenteils freier Software nachgebaut zu haben.

Nur für die Halterung muss ich noch etwas finden, das mobiler ist. Habt ihr eine Idee?


  1. Der Einsatz von Mockup-Software wie Balsamiq oder Axure wäre an dieser Stelle ein schöner Exkurs, hält aber meistens auf. ↩︎

  2. Einiges Hintergrundwissen, das ich dazu gefunden habe, findet sich bei Android Enthusiast↩︎

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