Interaktive Lernumgebungen: Oriole Online Tutorials

O’Reilly hat ein neues digitales Weiterbildungsformat: Live Training. Die Angebote greifen allesamt sehr moderne Trends in der IT auf, die Trainings richten sich an Menschen in Arbeit, die sich weiterqualifizieren wollen.

Ist das das Comeback von Vorlesung/Seminar im Livestream? Für technische Themen wird das Format sicherlich funktionieren, weil es sich um Skills handelt, die hier entwickelt werden, also um industriell verwertbares Knowhow. Unter dem Kaufbutton für die Trainings heißt es:

Participate in this workshop from the convenience of your home, your office… whatever environment you find most comfortable and conducive to an intensive educational experience.

In der Tat ist die Begründung des Formats Shared Learning ziemlich schlau, besonders was die Aussagen über lernende Teams und formatives Assessment angeht. Auch das neue Format Oriole Online Tutorials klingt sehr clever, funktioniert aber wahrscheinlich am besten mit Code:

Andrew Odewahn, O’Reilly’s CTO, showed what his Brooklyn team of designers/developers had just created. A prototype product leveraging a blend of Docker containers on the back end, Jupyter notebooks used as middleware, and HTML pages that incorporate video with computable content, mixing fluidly together. Code as narrative.

Das Potenzial von Jupyter Notebooks

Jupyter Notebooks sind ein bekanntes Tool, das häufig in der interaktiven Exploration von Daten Anwendung findet. O’Reilly setzt die Notebooks auch als authoring platform ein, geschrieben wird in Markdown.

Aus den Artikeln von O’Reilly ist zu entnehmen, dass eine Gruppe in Brooklyn für die Entwicklung der neuen Lernumgebung im Browser verantwortlich ist, die Jupyter Notebooks zusammen mit Videos zum aktivierenden Medium in den Live Trainings gemacht hat. Thebe heißt das Open-Source-Projekt hinter dieser Technik, benannt nach einem Mond des Jupiter.

Code as narrative

Eine beeindruckende Inszenierung dieser geschickten Kombination von Video, Frontend- und Servertechnologie findet sich in dem Tutorial Regex Golf von Peter Norvig: Das Vortragsvideo (14’43”) eines Experten läuft neben (wörtlich!) einer scrollbaren Strecke, auf der die Inhalte entwicklungslogisch entfaltet werden. Dabei scrollt die Webseite synchron zum Sprechtext des Videos mit (und umgekehrt), sodass der entsprechende Abschnitt Text/Code bzw. der Videoabschnitt immer ins Gesichtsfeld rückt. Die Codebeispiele können unverändert live ausgeführt werden, aber: Lernende können den Code auch verändern, Fehler provozieren, Varianten und Ideen ausprobieren und nach einem Reload der Seite wieder zur Expertenversion zurückkehren.

Abbildung: Screenshot von Regex golf

Live lernen in Teams

Was in Norvigs Tutorial mit einem aufgezeichneten Video gelöst ist, will O’Reilly nun als Live Training anbieten. Ich stelle mir das so vor, dass dann alle Lernenden eine interaktive Seite im Stil des Notebooks haben und die Codebeispiele und Aufgabenstellungen des Experten mitmachen. Dabei kommt es zu Diskussionen der “Präsenzteilnehmer_innen” in den Teams, die vor dem Live Training sitzen. Sie sind es eh gewohnt, sich während ihrer Arbeit auszutauschen, weil Programmieren nur so effektiv ist. Das Team hinter dem Live-Trainer kann die Eingaben der Teilnehmenden live evaluieren und individuell Feedback geben.

Geht das nur mit Code?

Mir stellt sich die Frage, ob das, was O’Reilly sich da ausgedacht hat, auch auf andere Bereiche übertragbar ist, in denen nicht Code geschrieben wird. “Verschriftlichung in Echtzeit” scheint mir auch in anderen Disziplinen möglich: Formeln, Rechnungen, Schaltpläne könnten auch Formen sein, die sich innerhalb einer Livesession schnell qualitativ testen lassen und damit für das formative Assessment taugen.

Neben der Begeisterung für die technische Lösung der Oriole-Tutorials sehe ich die eigentliche Innovation in dem Ansatz, Menschen in Teams vor den Livesessions zu versammeln und miteinander kommunizieren zu lassen. Teams, die es schon gibt, die nicht erst geformt werden müssen, sondern die aus existierenden sozialen Zusammenhängen kommen. Diese Teams lernen dann am meisten voneinander, wenn sie die Probleme miteinander verhandeln, die sie gegenseitig nachvollziehen können, die sie betreffen und deren Lösungen sie anhand der Inhalte des Trainings besprechen können: situiertes Lernen. Dazu heißt es auf der Seite von O’Reilly:

[…] When we analyzed conference attendance and early online courses, we saw that people participate as groups. More than 50% attend our online courses as teams. People don’t attend courses as teams just so they can hang out together during breaks; they attend as teams so they can learn from each other, apply their new knowledge to their particular situation, and bring that knowledge back to their co-workers. When a team attends training, the group learns much more than sum of the individual experiences.

Furthermore, we discovered that teams attend to hear what other teams ask. For example, another group attending may be further along their journey toward streaming analytics; they may have already encountered issues your team won’t hit for another six months. So learning isn’t just about what you need to know now, or what your teacher thinks you need to know now: it’s about interaction with other learners and their problems. It’s about taking advantage of other learnings to discover where you’ll be in six months or a year (Hervorhebungen im Original).

Kein Schein

Bemerkenswert ist auch das Fehlen von Zertifizierungen oder ähnlichen Abschlüssen. Man soll bei den Live Trainings Geld dafür zahlen, den Lernprozess miteinander zu teilen. Das ist jetzt nicht so bahnbrechend neu für die Weiterbildungsbranche, aber dennoch ein neues Format des Inhouse-Trainings. O’Reilly bietet für Teams Sonderkonditionen (“group tickets and enterprise licensing”) an. Ich frage mich, wie die Kommunikation zwischen Teams konkurrierender Firmen laufen würde, die sich gleichzeitig in einem Training befinden. Hier wird von der Firmenleitung ein hohes Maß an Offenheit verlangt sowie die Einsicht, worin der Wert eines teamübergreifenden Austauschs bestehen kann.

Ausblick

Nach den zertifikatsbasierten Geschäftsmodellen von Coursera, Udacity u.a. scheint mir der Ansatz von O’Reilly ein Schritt nach vorn zu sein, besonders durch die lerntheoretische Begründung. Dass es sich hier nicht um Open Education handelt, wird schon anhand der Preise deutlich. Da O’Reilly aber die “Zutaten” für Technik und Didaktik so transparent macht, kann man darüber nachdenken, was davon für Hochschulen im Rahmen einer Öffnungs- und Digitalisierungsstrategie nutzbar gemacht werden könnte.

Fotocredits: “Oriole” von Tracey Adams, CC-BY