Rückblick: Das OERcamp 2017 Nord in Hamburg

Das OERcamp17 in Hamburg vom 23. bis 24. Juni 2017 hat Spaß gemacht. Es waren insgesamt ca. 200 Interessierte angemeldet, die wegen des schweren Unwetters am Donnerstag zuvor teilweise eine beschwerliche Anreise hatten. Neben vielen bekannten Gesichtern waren auch viele dabei, die erst jüngst in das OER-Thema eingestiegen waren - das ergab eine spontane Umfrage von Jöran im Plenum.

In diesem Post

Das OERcamp17 war wie schon die Male zuvor eine Mischung aus Barcampphasen und Workshops, was ich persönlich ganz großartig finde. Ich wünsche mir, dass andere Konferenzen, die ich hin und wieder aus meiner Hochschultätigkeit heraus besuche, sich hiervon etwas abschauen.

Meine Workshops und Sessions

Nachfolgend will ich aus den Workshops und Sessions berichten, in denen ich Teilnehmer und Teilgeber war. Meine Auswahl bildet selbstverständlich nicht das umfangreiche Programm des OERcamps ab.

Powerpoint - oder nicht

Mein OERcamp begann mit dem Workshop ”‘Ich lese diese Bulletpoints jetzt einfach mal laut vor…’” von Lambert Heller und Jöran Muuß-Merholz, in dem es um die Potenziale von Powerpoint für die Entwicklung von OER-Material ging. Wir haben in Gruppen gemeinsam an einer existierenden Slideshow vom OERcamp17 in Köln weitergearbeitet und die Inhalte geremixt, ergänzt und verbessert. Open Educational Practice im besten Sinne - allerdings in Google Slides. Ohne Frage haben die Google-Tools große Vorteile in der Erstellung und Bearbeitung von Inhalten. Da sie aber von der Datenkrake Google zur Verfügung gestellt werden, ist ihre Verwendung im OER-Zusammenhang zu diskutieren. Denn schließlich agieren auch Schüler_innen auf diesen Plattformen mit dem entstehenden Lernmaterial, was ich für bedenklich halte. Und mit freier und quelloffener Software haben die Google Tools schon mal gar nichts zu tun.

OER mit oder ohne Open-Source-Software?

Mit dieser Skepsis stand ich nicht alleine da, am Samstag diskutierten wir in größerer Runde das Thema “OER und/oder OpenSource?” in einer Session, die Lambert Heller zusammen mit Valentin vom Bündnis freie Bildung vorgeschlagen hatte. Es könne nicht sein, so eine Position, dass wir Menschen durch das Bestehen auf bestimmten Formaten, Software oder Plattformen ausschließen. Wenn wir wollten, dass Inhalte geteilt werden, dann dürften auch Formate und Programme großer Konzerne verwendet werden dürfen. Andere sprachen sich dafür aus, dass wir uns bei der Entwicklung von OER-Material nicht von deren Spielregeln, Geschäftsmodellen und Existenz abhängig machen sollten.

Auch als überzeugter FLOSS-Verfechter kann ich mich nicht eindeutig zu einer der beiden Positionen bekennen. Denn eine notwendige Bedingung für OER ist, dass überhaupt geteilt wird. Wenn also jemand seine Powerpoint-Präsentation unter CC veröffentlicht, dann darf man sich erst einmal bedanken. Im zweiten Schritt könnte man ins Gespräch kommen, dass es auch andere Formate gibt, die in technischer Hinsicht eine bessere Teilbarkeit und Unabhängigkeit erlauben. Falsch wäre es meiner Meinung nach, Teilfreudigen zur Auflage zu machen, dass sie ihre Gaben nur in offenen und freien Formaten erstellen sollen.

Das Candy-Büffet

Die Candy-Bar auf dem Camp

Lobbyismus in der Schule

Kritisch wurde auch in der Session “Lobbyismus in der Schule” von Torben diskutiert. Neben vielen guten Links und Studien, die ich mitgenommen habe (s. Doku), hat mir die Session geholfen, einen Gedanken klarer zu bekommen: Es ist gar nicht so einfach, objektive Kriterien zu finden, nach denen sich Inhalte bestimmter Autor_innen und Anbieter_innen aus dem Unterricht verbannen ließen. Mit welchem Recht nämlich sollten wir Material von bspw. einer großen und bekannten Umweltorganisation eher im Unterricht zulassen, als das Material großer Stromkonzerne? Die Frage, wann Lobbyismus anfängt, und wo er vom Aktivismus für eine Sache zu unterscheiden ist, finde ich ebenfalls nicht so eindeutig und pauschal zu beantworten.

Hinsichtlich der Qualitätsdebatte im Zusammenhang mit OER-Material habe ich immer mehr den Eindruck, dass “OER-Schaffende” in der Defensive gehalten werden sollen, wenn man von ihnen Verfahren der Qualitätskontrolle einfordert. Jemand bemerkte auf dem OERcamp ganz treffend, dass auch gedruckte Standardwerke von Verlagen seit Jahren im Umlauf seien, die bekanntermaßen Fehler enthielten. Ich komme zu dem Schluss, dass wir weniger Angst haben sollten, OER-Material zu veröffentlichen, auch wenn dieses nicht perfekt sein wird. Denn es gehört vielleicht auch zu den 5Rs dazu, dass die Fehler von anderen im Remix- und Bearbeitungsprozess korrigiert werden. Denn dieses Prinzip funktioniert bei freier und quelloffener Software seit Jahrzehnten und gewährleistet eine hohe Qualität.

“Given enough eyeballs, all bugs are shallow.” Linus’s Law

Blockchain rockt Bildung

Die Blockchain ist seit einiger Zeit in aller Munde, weil man sich von ihr die Reparatur des Internets verspricht. Und seitdem das MIT Media Lab ein System zur Speicherung von Badges und Zertifikaten in einer Blockchain entwickelt hat, wird auch in Deutschland über ähnliche Systeme nachgedacht. @anjalorenz, @lambo und @onlinebynature und ich haben daher eine Session angeboten, in der wir die grundsätzliche Funktionsweise der Blockchain erklärt und zusammen mit den Anwesenden rumgesponnen haben, wo die Potenziale liegen könnten. Die Diskussion war recht lebhaft und sehr allgemein. Es ging um die Potenziale der verlässlichen Speicherung von erbrachten Leistungen, die Sorge vor der Nichtlöschbarkeit von Blockchain-Inhalten und die Zuverlässigkeit der Kryptographie jetzt und in Zukunft.

Neben der Badge-Debatte interessiert mich an der Blockchain in der Lehre, ob man die Kaskade von Urheber_innen und Remixer_innen von OER darin abbilden kann. Zusammen mit Versionskontrollen wie Git und dezentralen Dateisystemen wie IPFS könnten Systeme entstehen, die sich für den 5R-Kreislauf von offenem Lehrmaterial eignen.

Transparenz üben

Meine guten Erfahrungen mit Mattermost als Chattool fürs Projektmanagement und meine Begeisterung für dezentrale Socialmedia-Tools wie Mastodon und Diaspora habe ich in einer Session zum Thema “Transparenz üben - Kommunikation in freien sozialen Netzwerken” geteilt. Eigentlich wollte ich darüber sprechen, dass Lernende meiner Beobachtung nach zwar in den großen Netzwerken ziemlich hemmungslos alles miteinander teilen, in Lehr-Lernzusammenhängen aber zögern, ihren Lernprozess transparent und offen zu veräußern. Meine Experimente mit Mattermost in der Lehre finde ich persönlich sehr spannend, weil das Tool es ermöglicht, dass die Teilnehmenden selbst entscheiden können, mit welcher Sichtbarkeit sie ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und Fehler teilen wollen.

In der Session ging es dann aber zunächst um Datenschutzaspekte und vor allem um Nutzungsgewohnheiten von Lernenden, was ich sehr erhellend fand. Aus der Session entstand das Vorhaben, eine kriterienbasierte Liste mit geeigneten Apps und Anwendungen zu erstellen, die sichere Kommunikation ermöglichen. Mein Beitrag zu dieser Frage sind die Seite prism-break.org sowie das GitHub-Repo awesome-selfhosted.

Mit den Bändern konnten Teilnehmende signalisieren, ob sie fotografiert werden wollten oder nicht.

Mit den Bändern konnten Teilnehmende signalisieren, ob sie fotografiert werden wollten oder nicht.

OER in andere Sprachen übersetzen

Im Projekt “Hop-on”, einer Toolsuite für Geflüchtete zur Berufsorientierung in Deutschland, haben wir einen technischen Prozess zur Übersetzung von OER-Material entwickelt. Darüber habe ich in einer Session berichtet und mich mit den Anwesenden ausgetauscht. Die Kolleg_innen von oncampus aus Lübeck berichteten von ähnlichen Erfahrungen mit RTL-Sprachen wie Farsi und Arabisch, die in der Mischung mit deutschen Texten (LTR) in allen bekannten Editoren Schwierigkeiten machen. In der Session hatte ich die Gelegenheit, die Plattform Crowdin vorzustellen, mit der wir die Übersetzung der OER-Materialien von Hop-on bewerkstelligen.

Statische Websitegeneratoren für OER nutzen

Unser geplanter Workshop “Static Site Generators für die Entwicklung von OER nutzen” war vielleicht ein wenig zu speziell. Jedenfalls fanden sich so wenige Interessierte, dass wir es vorzogen, uns mit diesen am Freitag und Samstag individuell zu unterhalten. Das fand ich sehr spannend, weil es mir wieder gezeigt hat, wie unterschiedlich die Produzierenden von OER-Material sind und wie unterschiedlich auch deren Medienkompetenz ist. Wir sprachen auch darüber, wie man komplizierte Tools wie Git und GitHub an die Menschen bringt, dass man dafür Zeit braucht und einen didaktischen Ansatz.

Virtually Connecting

Eine ganz neue Erfahrung konnte ich einer Konferenzschaltung der Initiative Virtually Connecting sammeln. Auf Einladung von Christian Friedrich habe ich mit Kolleg_innen in Ägypten, Mexiko und Kanada über das OERcamp in Hamburg sprechen können (alle Beteiligten im Blogpost).

Fazit

Das OERcamp17 in Hamburg war eine ganz großartige Veranstaltung. Ich bedanke mich bei den Organisator_innen und allen Teilnehmenden und Teilgebenden für die tollen Gedanken und Inspirationen, mit denen ich jetzt wieder an die Arbeit gehe.

Chinesisches Teehaus

Das chinesische Teehaus in Hamburg, der Veranstaltungsort des OERcamp17, ist ein sehr schöner und spezieller Ort für Veranstaltungen. Mir fällt dazu der Bericht von Tapscott/Williams in Wikinomics über die Peer Production der Chinesen bei der Herstellung von Motorrädern ein (Tapscott & Williams, 2007, S. 220)

Referenzen

Tapscott, D. & Williams, A. D. (2007). Wikinomics: die Revolution im Netz. (H. Dierlamm & U. Schäfer, Übers.). München: Hanser.

Foto: “OERcamp17 Banner” von Axel Dürkop CC-BY